Spätfolgen nach Beugesehnenverletzungen

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Folgezustände nach Beugesehnenverletzungen

Wird eine durchtrennte Sehne genäht, wachsen die Sehnenenden allmählich wieder zusammen. Die Festigkeit einer genähten Sehne ist anfangs begrenzt; sie nimmt mit der Heilung langsam zu. Die geringste Festigkeit und damit das größte Risiko für einen Riss der genähten Sehne besteht nach etwa 10 Tagen. Erst nach 3 Wochen ist die Naht so weit gefestigt, dass ohne Kraft aktiv gebeugt werden kann. Eine Belastbarkeit ist bei unkomplizierte Heilverlauf nach 3 Monaten vorhanden.

Während der Heilungszeit kommt es nicht nur zum Zusammenwachen der Sehnenenden, sondern auch zur Bildung von Verklebungen der Nahtstelle mit dem umgebenden Gewebe und speziell der Sehnenscheide.

Dies kann durch eine zielgerichtete Übungsbehandlung teilweise vermieden werden. In manchen Situationen entstehen jedoch starke, funktionell wirksame Verwachsungen  mit der Folge einer Einschränkung der Beweglichkeit des betroffenen Fingers. Möglich ist eine unvollständige Beugefähigkeit, oder auch eine Fixierung in Beugestellung wovon meist das mittlere Gelenk betroffen ist.

Ist eine solche Bewegungsseinschränkung bereits eingetreten, nimmt diese einen charakteristischen Verlauf. Ganz allmählich lockern sich die Verklebungen in den ersten Monaten; in diesem Zeitpunkt ist eine graduelle Besserung der Beweglichkeit durch intensive konservative Maßnahmen möglich. Hierzu gehört Physiotherapie mit aktiver und passiver Mobilisation und Unterstützung durch so genannte Quengelschienen.

Kann die Beweglichkeit durch diese konservativen Maßnahmen nicht weiter verbessert werden, kommen operative Korrekturen in Betracht. Wird die Operationswunde in den ersten Wochen nach der Verletzung erneut geöffnet , besteht eine starke Tendenz zu erneuten Verklebungen Bei allen  Beugesehnenverletzungen sollten operative Maßnahmen wegen dieser Vernarbungstendenz des verletzten Gewebes nicht vor 6 Monaten nach der Verletzung durchgeführt werden.

Zu den operativen Möglichkeiten gehören:

  • Die Sehnenlösung (Tenolyse)      und Gelenklösung (Arthrolyse)      sowie der
  • Ersatz der Sehne und Sehnenscheide durch Sehnentransplantation

 

Tenolyse, Arthrolyse

Kommt es nach einer Beugesehnennaht zu starken Verklebungen zwischen der Sehne und dem umgebenden Gewebe, ist eine Bewegungseinschränkung des Fingers die Folge. Typisch ist die eingeschränkte Streckfähigkeit (Kontraktur) meist des Mittelgelenks und ein unvollständiger Faustschluss. Die aktive Beugefähigkeit kann dabei durchaus noch vorhanden und auch kräftig sein.

Ursachen hierfür können sein:

  •  Ausgedehnte verletzungsbedingte Gewebeschäden
  • Wundheilungsstörung nach der Erstbehandlung
  • Technisch unzureichender Behandlung und/oder Nachbehandlung

Verklebungen können jedoch auch bei optimalem Behandlungsverlauf auftreten.

Bei der Operation (“Tenolyse” = Sehnenlösung , “Arthrolyse” = Gelenklösung) werden Verwachsungen im Gelenkbereich gelöst, Verklebungen der Sehnen, die vornehmlich im Gleitkanal im Bereich der Ringbänder auftreten, getrennt.

Die Nachbehandlung nach einer Tenolyse  unterscheidet sich wesentlich von der Nachbehandlung nach einer Sehnennaht. Sie besteht in einer mehrmals täglichen intensiven aktiven und passiven Beübung. Im Gegensatz zur Sehnennaht ist nach einer Sehnenlösung  einer genähten Sehne die Festigkeit der Sehne vorhanden, so dass unmittelbar kraftvoll bewegt werden kann und auch muss.

 

Risiken und Komplikationen

  •  Nach einer Sehnenlösung können erneut Verklebungen auftreten, die das Operationsergebnis zu Nichte machen können.
  • Eine gelöste Sehne kann unter bestimmten Umständen als Folge der Sehnenlösung reißen.

 

Beugesehnentransplantation

In manchen Fällen kann eine durchtrennte Beugesehne nicht mehr direkt genäht werden. Mögliche Ursachen hierfür sind:

Bei der Verletzung wurde Sehne und/oder der Gleitkanals über eine längere Strecke beschädigt, so dass eine direkte Naht nicht ohne Sehnenverkürzung durchgeführt werden kann.

  • Die Sehnenverletzung wurde nicht sogleich erkannt. Die Sehnenenden haben sich zurückgezogen, die Muskulatur verkürzt. Im ehemaligen Verletzungsbereich ist es zu narbigen Verwachsungen des Gleitgewebes gekommen.
  • Eine genähte Sehne ist durch Überbeanspruchung in den ersten Wochen während des Heilvorgangs wieder gerissen.
  • Eine genähte Sehne wird durch starke Verwachsungen mit der Umgebung in ihrer Funktion stark behindert und die Verwachsungen sind so ausgeprägt, dass eine Sehnenlösung nicht möglich ist.

 

In den beschrieben Fällen muss nicht nur die Sehne, sondern auch des Sehnengleitkanal wiederhergestellt werden. Die Sehne wird dabei durch eine andere Sehne komplett ersetzt.

Eine Sehnentransplantation wird 2-zeitig vorgenommen, sie erfordert zwei operative Eingriffe. In einem ersten Schritt wird die verwachsene Sehne komplett entfernt und durch einen Silikonstab ersetzt. Eventuell beschädige Ringbänder werden wiederhergestellt. In den Wochen nach dem Ersteingriff bildet der Körper eine Hülle um den Silikonstab („Silastic-Stab“), die dann als Gleitlager für die transplantierte Sehne fungiert. Im Anschluss an die Einlage des Silastic-Stabes erfolgt eine intensive Krankengymnastik, bis der operierte Finger passiv frei beweglich ist.

Voraussetzung für die eigentliche Sehnentransplantation ist diese freie passive Beweglichkeit des Fingers. Erfahrungsgemäß ist dies ca. zwei Monate nach der Siliasticstabeinlage der Fall.

Bei der eigentlichen Transplantation wird eine entbehrliche Sehne vom Unterarm oder Unterschenkel entnommen und in den so neu geschaffenen Gleitkanal eingelegt. Sie wird mit dem Sehnenstumpf am Unterarm vernäht und am Fingerknochen angeheftet.

Die Nachbehandlung entspricht in weiten Zügen der nach einer direkten Sehnennaht. Da die erzielte Festigkeit zunächst deutlich geringer ist als nach einer Sehnennaht, ist besondere Vorsicht geboten.

 

Typische Risiken und Komplikationen

Eine Wundheilungsstörung oder Infektion kann die Behandlung komplizieren und bei einer Beteiligung des Sehnenlagers den Behandlungserfolg gefährden.

Ein Riss der transplantierten Sehne, vornehmlich im Bereich einer Nahtstelle, kann den Erfolg der Behandlung zunichte machen.

Verwachsungen der Transplantatsehne haben eine Bewegungseinschränkung zur Folge.


Mögliche Alternativen

Jeder Finger hat zur Beugung drei voneinander unabhängige Gelenke. Die Beugung im ersten Gelenk ist eine Funktion der kleinen Handmuskeln; die langen, vom Unterarm kommenden Beugesehnen sind hierzu nicht erforderlich.

Ist nach einem Eingriff an den Beugesehnen eine starke Verkrümmung des Fingers im mittleren Gelenk eingetreten, kann alternativ zu einem sehr aufwendigen und im Ergebnis unsicheren Beugesehnenersatz eine Versteifung des betroffenen Fingers im mittleren Gelenk durchgeführt werden. Diese führt in einem einzelnen operativen Schritt zu einer schmerzfreien Funktionalität ohne jedoch einen vollen Faustschluss zur erreichen.

 

Fazit

Eine Sehnenlösung oder –transplantation kann im Einzelfall zu einem guten Ergebnis führen. Der Erfolg ist unsicher, auch eine Verschlechterung der Situation durch den erneuten operativen Eingriff ist möglich. Als Alternative kommt die Versteifung des Fingers im Mittelgelenk in Betracht.